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Nach 1991: Neue Polizei? Neue Kriminalität!

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt ein brennendes Auto auf der Straße bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hooligans und der Polizei am Rande eines Fußballspiels. Eine Menschengruppe hat sich an einem weiteren Wagen im Hintergrund versammelt.
Mit der Trennung polizeilicher und militärischer Strukturen verlor die Bereitschaftspolizei mit den zuvor eingesetzten Wehrdienstleistenden einen Großteil ihres Personalbestandes. Am 3. November 1990 eröffneten zahlenmäßig hoffnungslos unterlegene Polizisten in Leipzig das Feuer auf gewalttätige Fußballanhänger, von denen drei schwer verletzt und einer getötet wurde.  © IMAGO / Contrast

Nach 1991 steigt die Zahl der Straftaten allein in Dresden von rund 22.000 auf über 66.000 (1995) – in Sachsen von rund 133.000 auf knapp 355.000 (1993). Hooligans, Neonazis, Verkehrssünder, Wirtschaftsdelikte, die organisierte Kriminalität … Die sächsische Polizei steht vor Herausforderungen in völlig neuer Qualität. Dank Milliarden-Investitionen u. a. in Ausbildung und Ausrüstung holen die Ordnungshüter bis Mitte der 1990er Jahre im Wettlauf mit den Straftätern auf.

Erschreckend ist die zügellose Brutalität der ostdeutschen Hooligan-Szene. Ihr stellt sich die nach Wegfall der Bereitschaftseinheiten aus Wehrdienstleistenden eklatant unterbesetzte Polizei mit allen Kräften, darunter selbst ältere Kripobeamte. Die Gewalt der Fußball-»Fan«-Szene eskaliert, bis es Tote gibt: 1990 stirbt der Berliner Mike Polley in Leipzig durch einen Polizeischuss.

Auch der zunehmende Rechtsradikalismus tötet. In Dresden ist der 28-jährige Jorge Gomondai das erste Todesopfer eines rechtsextremen Überfalls nach der Wiedervereinigung.

Bei einem Trauerzug wird das Bild des 28-jährigen Jorge Gomondai getragen. Einige Trauernde haben Blumen mit sich. Der Trauerzug steht unter starkem Polizeischutz, links und rechts des Porträts von Gomondai ist je ein Polizist mit Helm.
Trauerzug für Jorge Gomondai auf dem Dresdner Schlossplatz. Der 28-jährige Vertragsarbeiter aus Mosambik war am 31. März 1991 von Rechtsradikalen aus der Straßenbahn gestoßen worden und wenige Tage später seinen schweren Verletzungen erlegen. (11. April 1991)  © picture alliance / dpa / Matthias Hiekel

»14 Tage vor meinem Kommen wurde Jorge Gomondai aus der Straßenbahn geprügelt, dass er zu Tode kam. Vor mir breitete sich ein rechtsorientiertes Gewaltphänomen aus: ›Das kann ja wohl nicht sein!‹, sagte ich mir. Es galt, konsequente Strafverfolgung aufzuziehen, damit die Täter nicht ermuntert wurden. Hier mussten Spezialisten ran, die wussten, wie man mit diesem Klientel umgeht.«

Peter Raisch, Präsident des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen und einer der geistigen Väter der Soko REX

zitiert nach: Otto Diederichs: Sonderkommission Rechtsextremismus: »Soko Rex« – Polizeiliche Bekämpfung des Rechtsextremismus in Sachsen, Artikel, CILIP 044, 22. Februar 1993

Eine Gruppe von Menschen hat sich im September 1991 auf einem Parkplatz vor einem Wohnheim versammelt, in dem Vertragsarbeiter leben. Bei einem Teil von ihnen handelt es sich erkennbar um Rechtsextreme, die aggressiv gestikulierend grölen.
Nach tagelangen Angriffen von Rechtsextremen auf Asylbewerberunterkünfte in Hoyerswerda im September 1991 mussten deren Bewohner aus der Stadt evakuiert werden, da sich die Polizei außerstande sah, für ihre Sicherheit zu garantieren.  © Gerd Fügert

Rassismus greift unter verunsicherten Ostdeutschen um sich. Hoyerswerda wird nach Angriffen auf Ausländerwohnheime zum Synonym für Fremdenhass.

Dem setzt das Landeskriminalamt Sachsen ab Juli 1991 die Soko REX (Sonderkommission Rechtsextremismus) entgegen. Bereits 1992 führt der hohe Verfolgungsdruck zu 92 % aufgeklärter rechtsextremer Straftaten. Komplex gestaltet sich ebenso die zielgruppenorientierte Prävention, wobei Konzeptionen auch auf Polizeikräfte zielen, die Gefahr laufen, negative individuelle Erfahrungen mit Ausländern zu pauschalisieren.

Nazis und Gewalt – Keine Chance! Sicherheit mit unserer Polizei!

»Der Slogan ist Ergebnis vieler Gespräche mit Jugendlichen und Heranwachsenden, insbesondere aus dem Freistaat Sachsen. Er soll Ausgangspunkt sein bei Diskussionen verschiedener gesellschaftlicher Bereiche der Jugend. Wir, die Polizei des Freistaates Sachsen, sind eine Polizei des Bürgers und damit der Jugend.«

Sprechzettel für Landespolizeipräsident Maier, 4. Dezember 1991

Der damalige sächsische Landespolizeipräsident Fritz Ulrich Maier präsentiert ein rotes Plakat. Es trägt die Überschrift: »Nazis und Gewalt«, unter dem Bild eines aggressiven Mannes mit Baseballschläger steht: »Keine Chance!«
Landespolizeipräsident Fritz Ulrich Maier präsentiert das Präventivprogramm gegen rechte Gewalttäter. In Reaktion auf die Ermordung von Jorge Gomondai hatte am 15. Juli 1991 die Sonderkommission Rechtsextremismus (Soko REX) des Landeskriminalamtes – als erste ihrer Art in den neuen Bundesländern – ihre Arbeit aufgenommen. (4. Dezember 1991)  © picture alliance / dpa / Matthias Hiekel
Im Rahmen der Präventionskampagne »Wir Sachsen sind Spitze ohne Joint und Spritze« wurden auch T-Shirts, Basecaps und Bauchtaschen mit dem Slogan bedruckt. Diese Kleidungsstücke sind vor einem grünen Hintergrund zu sehen.
Drogenkriminalität war in der DDR ein nahezu unbekanntes Phänomen. 1992 startete das Landeskriminalamt eine Präventionskampagne mit Veranstaltungen in Schulen und Jugendeinrichtungen. »Wir Sachsen sind SPITZE ohne Joint und Spritze!« war ein Slogan des Landeskriminalamtes, u. a. auf Antidrogendiscos.  © Polizei Sachsen

Dem Menschen- und Drogenhandel der organisierten Kriminalität stellt sich die Polizei Sachsen u. a. mit Gründung der Ermittlungsgruppe »Rauschgift« zwischen Zoll und sächsischer Polizei (1993) oder der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe „Schleusungskriminalität“ zwischen Bundespolizei und sächsischer Polizei (1997). Vor allem die eskalierende Waffengewalt ist bislang unbekannt. Sie erfordert neue Strategien und Ausstattung.

Ein besonderes Phänomen ist der »Nachwende-Verkehrsrowdy«. 2020 gibt es im Bereich der Polizeidirektion Dresden 38 Verkehrstote, 1990 sind es im Regierungsbezirk Dresden 233 – geschuldet der ungewohnten Verkehrsdichte, aber auch dem »nicht genügend ausgeprägten Miteinander im Straßenverkehr«.

Auf einer Straßenbarrikade, in der unter anderem ein Autowrack, Müll und Gerümpel zu erkennen sind, steht auf Schildern geschrieben: »Die Bullen haben einen von uns angeschossen«. Und darunter: »Mord«, »Wir haben uns gegen den Bullenterror ge-«.
Eine Barrikade in der Stöckartstraße in Leipzig-Connewitz, nachdem es bei Auseinandersetzungen zwischen linken Jugendlichen und der Polizei Schwerverletzte auf beiden Seiten gegeben hatte. (28. November 1992)  © picture alliance / ZB / Wolfgang Kluge
 

Dienstuniformen der sächsischen Polizei aus den 1990er Jahren

 

Zusätzliche historische Materialien

Ende des Jahres 1995 wurden in Leipzig-Connewitz mehrfach Polizeiangehörige und -fahrzeuge mit Steinen und Brandsätzen attackiert. Daneben ermittelte die Staatsanwaltschaft aufgrund einer Reihe von Straftaten im Bereich des Stadtviertels. Am 29. Februar 1996 vollstreckten 350 Beamtinnen und Beamte die Durchsuchungsanordnungen des Amtsgerichts Leipzig und verschafften sich Zutritt zu besetzten Häusern. Dabei konnten Schusswaffen, Diebesgut im Wert von 60.000 D-Mark sowie große Mengen auf den Hausdächern gelagerte Pflastersteine und Brandflaschen sichergestellt werden.

»Zunehmend gibt es Erscheinungen willkürlicher Rechtsverletzungen, bewußter Mißachtung der Gesetze, entwickelt sich Rowdytum und Extremismus. Sprunghaft angestiegen sind Gewaltandrohungen, die Fülle von Raub, Erpressung, Brandstiftung. Extremistische Gruppen, zum Teil vermummt, randalieren in Stadien, stören massiv Veranstaltungen, zerstören gesellschaftliche Einrichtungen und schlagen grundlos auf unschuldige Bürger ein. … Mit dem Anstieg der Kriminalität hält derzeit die Aufklärung von Straftaten nicht Schritt.«

Ministerrat der DDR (2. Mai 1990)

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Traumberuf oder Feindbild?

Eine Foto-Collage zeigt links ein Mädchen, das durch ein Geschwindigkeitsmessgerät schaut. Das rechte Foto zeigt Bereitschaftspolizisten in Leipzig und vor ihnen einen brennenden Einkaufswagen auf der Straße, der wie ein Polizeiauto gestaltet wurde.
© picture alliance / ZB / Sebastian Kahnert; picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild / Sebastian Willnow

Kaum ein Beruf ist so präsent in unserer Gesellschaft wie der des Polizisten und der Polizistin. Ob in den Nachrichten, in Krimis oder im Kinderbuch … Es überrascht nicht, dass der Polizeidienst einer der beliebtesten Traumberufe sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen ist. Doch welches Bild hat die Öffentlichkeit von »ihrer« Polizei?

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